Migazin – Türkisches Hollywood: Elles im Wunderland

Als Ehebrecherin in einer türkischen Soap wurde die deutsche Schauspielerin Wilma Elles ein TV-Star. Seither geht es für die Kölnerin steil bergauf. In der Türkei, sagt sie, werden Träume wahr.

Mit aufrechtem Gang stolziert Carolin in ihren schwarzen Pumps in die Bank. Eine erhabene Miene soll die Unsicherheit verbergen. Noch schnell den blutroten Lippenstift nachgezogen, den engen Rock ihres Kostüms zurechtgezupft, der blonde Lockenbob sitzt dank ausreichend Haarspray. Heute geht es ums Ganze. Sie will das Geld ihres geliebten Kapitäns Ali Akarsu. Für ihn hat sie ihre Heimat Holland verlassen, um mit ihm in der Türkei zu leben, und dort den Zorn seiner Familie auf sich gezogen. Nun ist er tot und der Streit ums Erbe entbrannt.

„Was soll ich bloß tun“, schluchzt die Schöne vor dem jungen Bankier. „So einfach ist es nicht“, sagt dieser und tätschelt tröstend ihren Arm. Ihre tränengefüllten Augen sehen ihn erwartungsvoll an. Die vertraute Atmosphäre wird vom wütenden Bruder des Kapitäns unterbrochen. „Du wirst das Geld unserer Familie nie bekommen“, schreit er Carolin an. Sie hat schon genug Unheil angerichtet, diese intrigante Schlange. Carolin erhebt sich, sieht ihn herablassend an und spitzt den Mund wie ein Schutzschild, als wolle sie damit sagen: Was willst du jetzt tun?

„Cut!“, ertönt es aus der Ecke. Das rote Kameralämpchen erlischt, Regieassistenten besprechen schnell die aufgenommene Szene, Stylisten steuern mit Kamm und Haarspray auf die Protagonisten zu.

Als die Ehebrecherin fasziniert sie ihre Zuschauer

Carolin und Kemal lächeln sich an. Jetzt sind sie wieder Wilma Elles und Mehmet Gurhan und können über das lachen, worüber sich in der kommenden Woche nahezu 30 Millionen Zuschauer aufregen werden. Sie sind zwei Hauptcharaktere in der türkischen Soap „Öyle bir gecer zaman ki“ („So wie die Zeit vergeht“). Die Rolle der Carolin hat die in Deutschland nahezu unbekannte Schauspielerin Wilma Elles in der Türkei zum Star gemacht. Als blondes Gift fasziniert die 26-Jährige die Fans der Serie, die seit Beginn ihrer Ausstrahlung vor drei Jahren Kultstatus genießt. Denn Carolin macht Sachen, die sich kaum eine türkische Frau herausnehmen darf – als Ehebrecherin spaltet sie ohne Skrupel die Familie ihres Liebhabers und spinnt eine Intrige nach der anderen.

Sie ist eine „Helga“ – so wurden in den Sechzigern und Siebzigern die deutschen Neu-Ehefrauen genannt, die ihren Männern in die Türkei folgten und dort ganze Familien spalteten. Während türkische Männer beim Anblick von Carolin in lieblichen Erinnerungen schwelgten, forderten einige Zuschauerinnen zu Beginn der Serie öffentlich Elles’ Ausweisung nach Deutschland. „Meine Mutter hat sich ganze schöne Sorgen um mich gemacht“, sagt Wilma Elles, die heute nur noch darüber lachen kann. Fans strömten an die Drehorte der Istanbuler Straßen, um ihren Stars ganz nahe zu sein. Zu viele, um noch ungestört weiterzuarbeiten. Seit der zweiten Staffel drehen zwei Teams in Kulissen wie das Gelände einer ehemaligen Schuhfabrik, wo sie an diesem Montagmorgen die Bankszene aufnehmen. Jede Woche müssen sie 90 Minuten im Kasten haben.

In flüssigem Türkisch besprechen Wilma Elles und Regisseurin Deniz Koloş Gülçek die Szene. Anfangs hat sie zu ihr auf Englisch gesagt: „Wilma, mehr Dramatik! Jetzt spiel mal nicht zehn, sondern hundert Prozent!“ Im Laufe der Zeit haben sie mehrere Preise gewonnen, für die beste Serie mit der besten Regisseurin und der besten Schauspielerin. Die junge Frau aus Köln besticht schon lange nicht mehr allein durch ihre nordeuropäische Exotik, die langen Beine und ihr Lächeln.

Den Akzent durfte sie behalten – „Ich spiele ja eine Ausländerin“. Abseits des Drehens ist von Fremdheit nichts zu merken. Mittlerweile, sagt die Regisseurin, sei Wilma eine von ihnen geworden. Mittags essen sie zusammen in der Kantine. Der Star Wilma Elles bekommt keine Extrawürste. Es sei denn, sie leistet sie sich selbst so wie ihren persönlichen Assistenten, der ihr in den Pausen die warme Jacke und ihre schwarze Handtasche reicht.

Erst Bollywood, dann Istanbul

Es ist genau das, wovon sie vor drei Jahren noch geträumt hatte. „Das Schicksal hat mich hierher geführt“, sagt Elles. Als sie mal für zwei Monate an der Schauspielschule in Los Angeles Unterricht nahm, die auch Nicole Kidman besucht hatte, war ihr bereits klar, dass sie sich nicht in die lange Schlange hoffnungsvoller Jungschauspieler in Hollywood einreiht. Bollywood sollte es werden. Aber dann war das mit dem Hindi doch zu kompliziert, also studierte sie in Köln lieber Islam- und Politikwissenschaften. Vielleicht würde es irgendwann nach Kairo gehen. Sie war gerade mit der Schauspielschule in Köln fertig, als sie das Angebot für die Rolle der Carolin bekam. Beim Vorsprechen trug sie fehlerfrei ihren Text vor, ohne zu verstehen, was sie sagte. Die Regisseure waren begeistert. Seither reihen sich ihre Erfolge aneinander wie Dominosteine.

„Ich glaube fest daran, dass alle Träume wahr werden“, sagt Wilma einen Tag später in ihrem Apartment über diese glückliche Fügung. Sie schwärmt von Ratgebern, wie man sie klassischerweise in der Besteller-Liste findet. Sie habe alles genauso angewendet, wie es darin beschrieben ist und dann sei es so gekommen, wie sie es wollte. Sie kichert verlegen, als hätte sie ihr Geschäftsgeheimnis verraten – eines, das zu simpel ist, als dass es tatsächlich funktionieren könnte. Denn Wilma hat hart an sich gearbeitet: Rollenangebote für Kinofilme, eine Feng-Shui-Kleiderkollektion mit einer türkischen Modekette à la H&M, Einladungen zu Modenschauen nach Saudi Arabien. Im Februar war sie bei den Grammys in Los Angeles – Jetset, von dem deutsche Serienstars nur träumen können.

Elles im Wunderland