FAZ am Sonntag – Adelssitz sucht neue Bestimmung

Mecklenburg ist reich an Schlössern und Gutshäusern. Um sie zu erhalten, braucht es viel Leidenschaft, einen Plan und guten Rat. Ein ungewöhnliches Treffen unter Schlossbesitzern.

Als sie die Tür zur kleinen Dachkammer öffnet, schaudert’s Robert Uhde. „An den Balken hat sich doch mal jemand aufgehangen, das spüre ich.“ Hausherrin Brigitte Gross lächelt milde. Das Rosenzimmer ist ihr Lieblingsraum – lehmverputzte Wände, Metallbett, romantischer Shabby-Chic. Sie führt weiter durch den großen, ausgebauten Dachboden, er ist ihr ganzer Stolz. Flohmarktflair, viele kleine Lampen, das Ambiente ist gemütlich.

Ein befreundeter Tischler hat ihr eine zusätzliche Ebene gezimmert, sie steigen die schmale Treppe hinauf. Ganz am Ende steht das Prinzessinnenbett. „Da schläft unsere Enkelin so gern drin.“ Die Gäste sind begeistert. Brigitte Gross freut sich. „Komplimente für mein Haus höre ich immer noch gern.“

Ihr Haus ist ein Schloss. Es steht in Wrodow, ein mecklenburgisches Dorf inmitten der urwüchsigen Landschaft zwischen Waren und Neubrandenburg. 1993 haben sie und ihre Mann Frank Bauer es erworben. Die Fremden, die an diesem Freitagabend durch die Räume führen, sind aus allen Winkeln des Landes angereist: aus Wismar, aus der Nähe von Bützow, aus Rostock, von der Insel Rügen oder aus dem Nachbardorf.

Sie eint die Liebe zum Kulturdenkmal. Jeder von ihnen besitzt selbst ein Gutshaus. Mancher schon mehr als zehn Jahre, andere sind erst seit kurzem dabei, neugierig aufeinander sind sie gleichermaßen. Sie wollen wissen: Wie ist euch ergangen seitdem ihr eins habt?

„Ideenjagd“ nennt Robert Uhde das kreative Vernetzungstreffen, sie treffen sich zum fünften Mal. Uhde, dem das Herrenhaus in Vogelsang bei Teterow gehört, ist Gutshaus-Netzwerker, er möchte den Zusammenhalt der Besitzer untereinander stärken.

Wrodow ist der offizielle Auftakt. Frank Bauer ist begeistert von der Sache, darum sind er und seine Frau aus Berlin angereist und haben für die Gäste eingeheizt. Angenehm irritierend, ihr Alter: Er ist 79, sie 83. Nach ein paar Anläufen sind alle beim Du. Mit einem Weinglas in der Hand sitzen sie in ihrer Küche. Dann erzählen der pensionierte Jugendrichter und die ehemalige Religionslehrerin, wie alles begann.

„Als wir 1993 vor der Schloss-Ruine standen, fragte ich sie: Willst du es haben? Sie sagte: Ja, aber lass es uns mit anderen teilen.“ Frank Bauer lächelt. Zusammen mit einem befreundeten Künstler kauften sie das marode Schloss. Die Dorfbewohner halfen bei der Sanierung, froh über das gemeinsame Abenteuer, nachdem der Mauerfall ihr Leben so drastisch verändert hatte. „Wie ist es euch gelungen, die Leute ins Boot zu holen?“, fragt Robert Uhde. Brigitte Gross spitzt den Mund und sagt: „Wir sind einfach durchs Dorf gegangen und haben jeden persönlich angesprochen. Wir wollten nicht die unnahbaren Schlossbesitzer sein. Uns war klar, dass wir das ohne Hilfe eh nicht schaffen.“

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